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1810 |
Am 8. Juni wird Robert Schumann in Zwickau geboren, einer damals etwa 5 000 Einwohner zählenden Stadt im Königreich Sachsen und ungefähr 90 km südlich von Leipzig (= Leipsic*) gelegen. Er ist das fünfte Kind, der vierte Sohn des Buchhändlers und Verlegers August Schumann und seiner Frau Christiane, geb. Schnabel. Die Familie ist recht wohlhabend, denn ausser der Buchhandlung bringt der Verlag gute Einkünfte mit der Publikation einer Reihe von Zeitschriften zu Handel und Gewerbe und auch mit preiswerten Ausgaben der Klassiker. Besonderen Erfolg hat August Schumanns eigene Übersetzung von Lord Byrons Childe Harold’s Pilgrimage. Er schreibt auch selbst, belletristische Werke im Geschmack der Zeit, wie Junker Kurt von Krötensteins verliebte Heldenfahrt. * Die farbig markierten Städtenamen findet man auf der nebenstehenden zeitgenössischen Karte. Der kleine Robert liebt seinen stillen, arbeitsamen Vater und ist auch sehr an seine Mutter gebunden, unter deren wiederkehrenden Depressionen er leidet. Im gleichen Jahr kommt Frédéric Chopin in Želazowa Wola/Polen zur Welt. |
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1817 |
Robert besucht eine Privatschule, in der er schon in diesem frühen Alter u.a. Griechisch, Latein und Französisch lernt. Zudem bekommt er Klavierunterricht bei dem Organisten Johann Gottfried Kuntsch. |
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1820 |
Mit zehn Jahren kommt RS aufs Lyceum. Er liest viel, hilft seinem Vater z.B. beim Korrekturlesen, und lernt die Werke der grossen Meister der deutschen Literatur kennen. Seine schwärmerische Vorliebe gilt den Romantikern Jean Paul, Novalis und Hölderin. |
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1823 |
Carl Maria v. Webers Oper Der Freischütz zur Einweihung des Zwickerauer Theaters ist für Robert Schumann ein prägendes Erlebnis. Er schreibt, dass er um diese Zeit den Entschluss gefasst habe, sich ganz der Musik zu widmen. Der Vater freut sich über das schon virtuose Klavierspiel seines Jüngsten, der allerdings nie als Wunderkind beschrieben wird, und kauft für ihn einen Flügel der Wiener Firma Johann Andreas Streicher. Danach werden im Haus der Schumann Konzerte mit dem von Robert gegründeten und geleiteten Schülerorchester gegeben. |
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1825 |
Im Oktober nimmt sich Roberts um 14 Jahre ältere Schwester Emilie das Leben, wohl wegen einer entstellenden Hauterkrankung an Depressionen leidend. |
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1826 |
Neben dem Interesse für Musik findet der umtriebige junge Mann noch Zeit für die Literatur: er gründet und betreibt einen schöngeistigen Zirkel mit »musikalisch-deklamatorischen Abendunterhaltungen«. Wahrscheinlich trägt er hier seine Nachdichtungen von Petrarca-Sonetten vor, oder Auszüge seiner Übersetzungen der Werke von Horaz und Homer. Jetzt schon ist der Pennäler ein gesuchter Pianist, dessen Improvisationstalent und prima-vista Spiel besonders gerühmt werden. Dies wird ein trauriges Jahr für die Familie Schumann: im August stirbt der geliebte Vater im Alter von nur 53 Jahren an Lungentuberkulose. In seinem Testament hat er verfügt, dass das Robert zustehende Fünftel des Erbes seiner musischen Erziehung dienen solle, also die erhebliche Summe von 12,000 Talern (nach Kaufkraft umgerechnet entsprächen einem Taler im Jahre 2010 etwa 30 €). Roberts Idol, der Komponist Carl Maria von Weber, ein Vetter von Constanze Mozart, erliegt im Alter von 39 Jahren ebenfalls der damals grassierenden Tuberkulose. |
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1827 |
Robert Schumann lernt bei einer Einladung Agnes Carus kennen, die junge Frau des Medizinprofessors und Hofrats Carl Gustav Carus. Sie singt Lieder von Franz Schubert, er begleitet sie am Klavier und verliebt sich schwärmerisch in sie, wie sein Tagebuch verrät. |
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1828 |
RS besteht das Abitur mit besten Noten. Er wird mit einer Reise durch Deutschland belohnt, besucht mit einem Freund die Witwe Jean Pauls in Bayreuth und wird vom politischen Redakteur Heinrich Heine, gefeierter Autor des Buch der Lieder, durch München (= Munich) geführt. Auf Wunsch seiner Mutter und seines Vormunds beginnt Robert ein Jura-Studium in Leipzig. Die zu dieser Zeit etwa 40 000 Einwohner zählende Universitätsstadt bietet dem jungen Mann viele Ablenkungen. Aus seinem im Stenogramm-Stil gehaltenen Tagebuch erfahren wir, dass Robert kaum (wenn überhaupt) eine Vorlesung besucht sondern seine Tage mit Musik, mit »lyrischer Faullenzerey«, im Kaffeehaus, mit Freunden und auf jeden Fall mit viel Alkohol vertreibt. Das sind keine gelegentlichen Eskapaden sondern so beschreibt er selbst seinen normalen Tagesablauf. Regelmässig fasst ihn in der Folge die Melancholie und die Sehnsucht nach einem idyllischen Arkadien, jenseits aller Zwänge der Gesellschaft. Sein monatlicher Wechsel kann seinen Lebenstil nicht bezahlen und er muss des öfteren seinen Vormund um Geld bitten. In seiner grosszügigen Wohnung musiziert Robert Schumann oft mit Freunden, zu der Zeit bevorzugt er die Werke von Franz Schubert. Das Haus von Professor Carus (jetzt in Leipzig) besucht er gerne, immer in der Hoffnung, die geliebte Agnes zu sehen; hier treffen sich Musiker und Literaten der kunstfreudigen Stadt. Von besonderer Bedeutung ist, dass er in diesem Haus dem als Klavierpädagogen geachteten Friedrich Wieck begegnet, dessen 9-Jahre alte Tochter Clara, vom Vater unterrichtet, mit erstaunlicher Virtuosität Klavier spielt. Robert Schumann nimmt bald darauf Klavierstunden bei Wieck und unterwirft sich dessen strengem Regime, u.a. am Chiroplast. Diese Vorrichtung sollte dem Pianisten die als korrekt angesehene Grundhaltung der Hände und Finger antrainieren. Zwei Latten parallel angebracht über der Tastatur eines Klaviers halten die Hände in der vorgeschriebenen Höhe so, dass nur seitliche Bewegungen möglich sind; dahinter finden sich auf einer Stange zwei frei verschiebbare Schablonen mit Löchern zur Führung der Finger - mit dem Nachteil, dass Finger und Daumen sich nicht frei zueinander bewegen können. Nach vier Monaten klagt RS über Schmerzen im rechten Arm, die wohl als Folgeerscheinung des Gebrauchs dieses Apparats anzusehen sind. Wieck ist über seinen Schüler nicht besonders erfreut, er sagt ihm nach, dass er störrisch und launisch sei und nennt ihn einen »Tollkopf«. |
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Friedrich Wieck |
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Am 20. Oktober gibt Clara Wieck ihr Debut als Konzertpianistin am Leipziger Gewandhaus. Sie spielt mit einer Freundin die vierhändigen Variationen des zeitgenössischen Komponisten Friedrich Wilhelm Kalkbrenner über einen Marsch aus Rossinis Oper Moses und erntet grossen Beifall. Mit seinem Freund Christian Glock spielt Schumann am 8. November vor kleinem Kreis erstmals seine vierhändigen Variationen über ein Thema von Prinz Louis Ferdinand von Preussen [G 2*]. Die etwa gleichzeitig komponierten VIII Polonaises pour le pianoforte à quatre mains [G 1] werden im Dezember auch wieder privat aufgeführt und viel später von Johannes Brahms mit der schriftlichen Bemerkung versehen »Aus Schumanns Kindheit. Durchaus nicht zu drucken.« * Die genannten Werke und die in eckigen Klammern aufgeführten Zahlen beziehen sich auf Robert Schumann - Thematisch bibliographisches Werkverzeichnis, von Margit L. McCorkle, Henle Verlag, München: 2002. Der berühmte Komponist Franz Schubert stirbt im November im Alter von nur 31 Jahren, wahrscheinlich an Typhus. Robert Schumann ist erschüttert von der Nachricht seines Todes. |
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1829 |
Als erste grössere Komposition schreibt RS bis März an seinem Klavierquartett in c-moll [E 1], das leider unvollständig bleibt. Am 11. Mai macht sich Robert Schumann auf die Reise nach Heidelberg, um dort, wie er seiner Mutter sagt, bei dem berühmten Jurist Anton Justus Thibaut Vorlesungen zu hören, aber eigentlich wegen der romantischen Gloriole dieser Stadt. Er verschweigt, dass Professor Thibaut stark an Musik interessiert ist, 1825 das weit verbreitete Buch Über die Reinheit der Tonkunst veröffentlicht hat und einen gerne besuchten musikalischen Salon unterhält. Die Stadt gefällt ihm anfangs sehr, aber leider verfällt Schumann auch hier dem alten »Schlendrian«, vermerkt akribisch in seinem Tagebuch, wenn er mal wieder »knillig«, also betrunken, ist und leidet bald wieder an Melancholie, auch weil er nicht vom Alkohol wegkommt. Allerdings bleibt er seiner Musik treu ergeben mit täglichen Übungen und Kompositionsstudien. Sein monatlicher Wechsel von 30 Talern, der Zinsertrag seiner Erbschaft, genügt wieder einmal nicht. Gegen Ende des Jahres unternimmt Robert Schumann eine Reise in die Schweiz und nach Italien, die nach langer Schwärmerei vom Süden wieder von der Mutter finanziert wird. Er besucht Basel, Bellinzona, Mailand (= Milan), Verona und Venedig (= Venice), zieht sich dort einen Magen-Darm-Infekt zu und muss wochenlang auf einen weiteren Scheck warten, um wieder nach Heidelberg zurückkehren zu können. Langsam und vorsichtig bereitet er in seinen Briefen die Mutter und den Vormund darauf vor, dass er bald das Jura-Studium aufgeben wird: »Hätt ich jemals Etwas auf der Welt geleistet, es wäre in der Musik geschehen«.
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1830 |
Der eher verschwiegene und zurückhaltende Robert wird durch seine Virtuosität am Klavier nach nur ein oder zwei öffentlichen Auftritten in die »bessere Gesellschaft« Heidelbergs katapultiert. Leider übertreibt er auch das Klavierspiel derart, dass er bis zum Sommer wegen einer schmerzhaften Entzündung der Sehnen am dritten Finger der rechten Hand aussetzen muss. Sein eigentliches Leben habe in diesem Jahr begonnen, schreibt Schumann viel später an seine Frau Clara. Er komponiert eine Reihe von kurzen Stücken für das Klavier, die bald veröffentlicht werden und sehr gut beim Publikum ankommen: die sogenannten Abegg-Variationen [op. 1] über ein Walzer-Thema, die einer wahrscheinlich fiktiven Pauline Comtesse d’Abegg gewidmet sind und ihren Namen in Noten ausdrücken. Die ersten seiner Papillons [op. 2] entstehen, geschrieben unter dem Einfluss von Jean Pauls Roman Flegeljahre. Friedrich Wieck gibt der Mutter Roberts eine enthusiastische Bewertung des Talents ihres Sohns, das ihn unter gewissen Voraussetzungen zu einem der grössten Pianisten werden lasse. RS kommt daraufhin im November zurück nach Leipzig, nimmt den Unterricht bei Wieck wieder auf und bezieht zwei Zimmer in seinem Haus. Das ist genau der Moment, zu dem die jetzt elfjährige Clara Wieck ihr erstes Solokonzert im Leipziger Gewandhaus gibt, mit einem waghalsigen Programm: ein Rondo mit Orchester von Kalkbrenner, Variations brillantes von Henri Herz, ein Quartett von Czerny, eine Romanze von Friedrich Wieck und ihr selbst, und dann noch eigene Variationen. Ihr Spiel erhält den grössten Beifall des musikkundigen Publikums und die Bewunderung des jungen Schumann. |
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Robert Schumann als junger Mann, um 1831, |
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1831 |
Der Elan des bei Wieck wieder aufgenommenen Musikunterrichts verliert sich bald wieder wegen der engstirnigen, unbeugsamen Haltung des Alten, den die Haltlosigkeit des eigentlich von sich selbst sehr eingenommenen Schülers stört. Schumann hat auch einen erfreulichen Erfolg, als seine Abegg-Variationen [op. 1] im Druck erscheinen. Robert Schumann wird jetzt 21 Jahre alt, für voll mündig erklärt und verfügt damit über sein ererbtes Kapital. In dieser Zeit der überschwänglichen Romantik lässt Schumann seinen fiktiven Davidsbund entstehen, der sich für eine poetische Musik und gegen die Mittelmässigkeit in der Musik einsetzt und zu dem in seiner Fantasie Berlioz, Chopin und Mozart gehören. |
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1832 |
Von Februar bis Mai sind Clara und Friedrich Wieck auf einer Konzertreise in Paris, die wegen der Kälte und der schlechten Unterkünfte ausserordentlich strapaziös wird. Ausserdem ist die Cholera ausgebrochen und deshalb kommen nur wenige Besucher zu Claras Vorstellungen. Der erste Satz von Schumanns Symphonie in g-moll [A 3] wird in Zwickau, dann November in Leipzig aufgeführt, zeigt nach Ansicht der Rezensenten aber Mängel in der Durchführung und in der Instrumentation. Im Gewandhaus Leipzig steht sein Werk an sechster Stelle im Programm und Clara Wiecks fünf virtuosen Darbietungen gelten alle Aufmerksamkeit und aller Beifall. Roberts rechter Mittelfinger ist endgültig gelähmt und damit ist seine Karriere als Konzertpianist beendet. Er beschäftigt sich mit Vorstellungen zur Gründung einer Musikzeitschrift und arbeitet fiebrig an kleineren Kompositionen, von denen die meisten allerdings entweder nur skizziert werden oder unvollendet bleiben. Ausser einer immer wiederkehrenden und sich zeitweise bis zu einer Depression ausweitenden Melancholie leidet Robert auch noch an einem schmerzhaften Genitalgeschwür, das von seinen Biographen später als sogenannter syphilitischer Primäraffekt gedeutet wird, obwohl weder die Symptome (Schmerz!) noch die Entwicklung oder der Verlauf der Erkrankung diese Diagnose stützen. Gegen Ende des Jahres zieht RS aus seinen beiden Zimmern bei Wieck aus. |
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1833 |
Dieses Jahr bringt Schumann die erblühende Liebe zur 14-jährigen Clara Wieck, aber sonst nur Qualen der schlimmsten Melancholie nach dem Tod seines Bruders Julius, einer Schwägerin und eines nahen Freundes, und nach einer längeren Erkrankung an Malaria. Er beginnt an den symphonischen Études en forme de variations [op. 13] zu arbeiten, die er aber erst später fertigstellt. |
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1834 |
Im April erscheint die erste Nummer der von Schumann herausgegebenen Neuen Leipziger Zeitschrift für Musik. Er wendet sich damit vor allem gegen die führende Allgemeine Musikalische Zeitung des Leipziger Verlags Breitkopf & Härtel, gegen das »zwergige Philisterium«. Schnell hat er u.a. damit Erfolg, dass er an die alten Meister wie Johann Sebastian Bach erinnert und sich enthusiastisch für Hector Berlioz und den gleichaltrigen Frédéric Chopin einsetzt: »Hut ab, ihr Herren, ein Genie«. Bei all der Arbeit an seiner Zeitschrift, für die er selbst häufig kritische Berichte und Rezensionen schreibt, findet er noch Zeit, u.a., für die Symphonischen Etuden [op. 13], die Variationen über den Sehnsuchtswalzer von Schubert [F 24] und die Klaviersonate in fis-moll [op. 11], Clara Wieck gewidmet. Im Juli verliebt er sich in eine neue Schülerin Friedrich Wiecks, die angeblich musikalisch unbegabte Ernestine von Fricken, und verlobt sich mit ihr, trotz seiner Tändelei mit Clara Wieck. Sein Carneval [op. 9], ein Zyklus von kleinen Szenen für Klavier, trägt autobiographische Züge. Er enthält Stücke, die er nach seinen eigenen virtuellen Doppelgängern, Eusebius und Florestan, benennt, andere, die auf Asch, den Namen der Heimatstadt Ernestines anspielen und solche, die den Namen Paganinis und Chopins tragen. Die Verlobung mit Ernestine wird bald wieder aufgelöst. |
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1835 |
Roberts Bindung an Clara wird deutlicher, ernster, sie schreiben sich heimlich romantisch durchglühte Briefe. Im November kommt es zum ersten Kuss. |
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1836 |
Im Februar stirbt Roberts geliebte Mutter. Noch kurz vor ihrem Tod hat sie den Wunsch ausgedrückt, dass Clara und Robert heiraten. |
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Clara Wieck, um 1837 |
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Der Vater Claras versucht, seiner Tochter den unzuverlässigen Tonsetzer auszutreiben. Natürlich mag er seine geliebte Tochter (damit die Quelle seines Einkommens) nicht in solch frühem Alter an Schumann verlieren, gerade als sie als eine der grössten lebenden Klaviervirtuosi an Ansehen gewinnt und ihre Kompositionen von Chopin, Liszt und Mendelssohn-Bartholdy gepriesen werden. Friedrich Wieck verbietet Schumann, sie zu besuchen und droht ihn zu erschiessen. |
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1837 |
Am 14. August verloben sich Clara Wieck und Robert Schumann, einen Monat später bittet Robert den Vater um ihre Hand. Die Antwort ist abschlägig. Im Oktober reisen die Wiecks nach Dresden, der Beginn einer sieben Monate dauernden Konzert-Tournee, die sie auch nach Prag (= Prague) und Wien (= Vienna) führt. Für Clara wird es ein wahrer Triumphzug, obwohl sie mit 18 Jahren jetzt kein Wunderkind mehr ist. Vorerst ist sie also gezwungen, Robert nicht wiederzusehen, ihres Vaters Verbot zu beachten. Es gibt auch zu viele kultivierte, interessante Männer um Clara, wie z.B. den neu ernannten Musikdirektor des Leipziger Gewandhaus-Orchesters, Felix Mendelssohn-Bartholdy, selbst ein ausgezeichneter Pianist und Komponist und nur ein Jahr älter als Robert. Etwas Eifersucht stört die sich entwickelnde Freundschaft zwischen RS und Mendelssohn. Während der Trennung von Clara schreibt Robert Werke wie die Fantasiestücke [op. 12] und die Fantasie in C-dur [op. 17] mit denen er weit bekannt und sogar berühmt wird. Trotzdem macht Clara sich Gedanken, ob seine finanziellen Verhältnisse zu dieser Zeit ihr eine »sorgenfreie Lage« bieten könne. Roberts Zweifel an sich selbst, seine Schuldgefühle und allgemeine Melancholie steigern sich. Die 18 Davidsbündlertänze [op. 6], Schumann nennt sie Charakterstücke für Klavier, werden im September fertig. Als »Todtentänze, Veitstänze, Grazien- und Koboldstänze«, beschreibt er sie, wieder mit autobiographischen Zügen. |
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1838 |
In diesem Jahr komponiert Robert Schumann das Werk, das er als eines seiner liebsten bezeichnet, die Kreisleriana [op. 16]. Der Name bezieht sich auf die Titelfigur einer Novelle von E.T.A. Hoffmann, einen exzentrischen, wilden, unverstandenen, unglücklichen Kapellmeister. In diese Phantasien schreibt Schumann also wieder eigene Züge - und ausserdem erscheint in sieben der acht Teile ein Thema Clara Wiecks. Die Kreisleriana sind Frédéric Chopin gewidmet und der bedankt sich dafür bei Robert mit seiner F-dur Ballade op. 38. RS beschwört eine Zukunft mit Clara in den Kinderszenen [op. 15], wie er ihr schreibt, widmet das Werk aber ihrer Schwester Marie Wieck. Im September reist er nach Wien, um vielleicht dort seine Musikzeitschrift herauszugeben und mit dem fernen Gedanken, eventuell mit Clara dorthin zu ziehen, dem direkten Einfluss ihres Vaters zu entkommen. Aus all dem wird nichts, da die Zensurbehörde in Wien Ausländern keine Verlagslizenz erteilt. |
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1839 |
Seit ihrer Rückkunft von einer Konzertreise nach Paris im Februar wohnt Clara Wieck bei ihrer Mutter in Berlin, vom Vater zusehends entfremdet. Robert Schumann versucht, von Friedrich Wieck den Ehekonsens zu erzwingen und stellt am 15. Juli einen entsprechenden Antrag beim Appellationsgericht Leipzig. Mehrere Versöhnungsversuche scheitern und das Gericht kommt zu keinem Urteil. Während dieser Zeit wird Robert vom alten Wieck mit üblen Tiraden verleumdet, und die werden auch noch gedruckt und weit verbreitet. Unter dem Stress dieser Geschehnisse und dem Tod seines Bruders Eduard (der den Verlag des Vaters leitete) stürzt er wieder in eine lähmende Melancholie und beklagt sich erstmals über Musik-Halluzinationen. Die Nachtstücke [op. 23] zeugen vom zeitweise verzweifelten Geist des Komponisten. |
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Robert Schumann, Lithographie von Josef Kriehuber, 1839 |
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Dem Gericht legt er einen Nachweis seiner Vermögensverhältnisse vor (u.a. dass seine Zeitschrift 443 Abonnenten habe) und weist stolz darauf hin, dass ihm die Universität Leipzig vor kurzem die Ehrendoktorwürde verliehen hat, in Anerkennung seiner Verdienste als Komponist, Kritiker und Herausgeber. Wieck findet keine Zeugen für seine Beschuldigung, Robert Schumann leide an chronischer Trunksucht. |
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1840 |
Am 1. August erteilt das Leipziger Appellationsgericht Robert Schumann und Clara Wieck den Ehekonsens. Am 12. September heiraten sie in einer kleinen Dorfkirche bei Leipzig, am Tag vor Claras 21. Geburtstag. Mehr als 150 Lieder, gebunden in Zyklen [opa. 24, 25, 27, 29, 30, 31, 33, 34, 35, 36, 39 u.a.] schreibt Robert Schumann in diesem Jahr, Vertonungen romantischer Gedichte von Hoffmann, Heine, Geibel, Eichendorff, Andersen, Rückert, Chamisso und anderen. Auch Clara ist sehr zufrieden mit ihrer Arbeit, darf sich über strahlende Erfolge auf ihren Konzertreisen freuen, vor allem auch über den Applaus, wenn sie Roberts Werke vorträgt. Auch die Finanzen des jungen Ehepaares stimmen, Claras Einkünfte sind entsprechend ihrem Ruhm die einer Primadonna. Allerdings muss sie ihre Mutter in Berlin finanziell unterstützen; leider ist ihr Vater ausgesprochen bösartig geworden. |
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1841 |
Mit den neuen Verpflichtungen der Ehe ändert sich das Leben Schumanns, er wird gesetzt, besonnen, sogar diszipliniert, aber gelegentlich kommt es doch noch zu quälenden Episoden von Schwermut, seiner dunkleren Seite. Er nimmt sich Grösseres zum Ziel, Orchesterwerke, hofft das Genre der Symphonie neu zu beleben. Seine Symphonie N. 1 in B-dur [op. 38] entsteht in kürzester Zeit zu Beginn des Jahres und wird gleich im März zum ersten Mal aufgeführt, im Gewandhaus Leipzig und dirigiert von Felix Mendelssohn-Bartholdy. Schumann nennt sie die »Frühlingssinfonie«, unter dem double entendre der Entstehungszeit und der Wende in seinem Schaffen. |
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Der Grosse Saal im Gewandhaus Leipzig um 1850 |
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Der Publikumserfolg wie besonders die Achtung und Bewunderung Claras und Mendelssohns spornen ihn an. Mehrere Orchesterwerke folgen in kurzer Zeit. Schon im April arbeitet er an op. 52, von ihm selbst »Novelle für Orchester« oder »Symphonette« genannt, also keine eigentliche Symphonie. Dann erscheint der erste Satz des späteren a-moll Klavierkonzerts [op. 54], das von Clara besonders geliebt wird. Um ein orientalisches Märchen des irischen Dichters Thomas Moore (1779-1852) plant Robert Schumann eine Oper zu schreiben, aber daraus wird eine Folge lyrischer Gesänge, Das Paradies und die Peri [op. 50]. Die Titelfigur ist ein Engel, der Zugang zum Paradies sucht, schliesslich von seiner Schuld befreit und erlöst wird. Mit diesem romantischen Werk wird Robert Schumann auch ausserhalb Deutschlands berühmt. Selbst der Vater Claras gibt sich versöhnlich und es kommt zu einer Art von distanzierter Freundschaft. Trotz der beruflichen Erfolge von Clara und Robert bleibt das Einkommen des Ehepaares unter den Erwartungen. Clara will daher möglichst bald wieder ihre Karriere als Konzertpianistin fortsetzen. Im März gibt sie ein erstes und vorerst letztes Konzert unter dem Namen Clara Schumann: ihre Tochter Marie wird am 1. September geboren. Im November nimmt sie ihre Konzertreisen wieder auf. |
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1842 |
Die berühmte Virtuosin gibt Vorstellungen ihrer Kunst in Norddeutschland, dann in Kopenhagen ohne Robert, der Arbeit an seiner Zeitschrift vorgibt aber sich wieder deprimiert und elend fühlt. Die Kasse wird vorübergehend aufgebessert, doch die eheliche Harmonie leidet. |
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Robert Schumann im Alter von etwa 32 Jahren |
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1843 |
Die Uraufführung, im Januar, von Robert Schumanns Klavierquintett [op. 44], mit Clara am Klavier bringt »freundlichen Nachklang«. Der Besuch von Hector Berlioz dagegen bringt nichts Gutes, da beide Komponisten die Musik des anderen wenig schätzen. Am 25. April kommt die zweite Tochter des Ehepaars zur Welt und wird auf den Namen Elise getauft. Robert erhält von Felix Mendelssohn, Gründer des Konservatoriums Leipzig, einen Lehrauftrag; gleichzeitig werden der Komponist und Musitheoretiker Ignaz Moscheles wie auch der Geigenvirtuose Joseph Joachim als Lehrer gewonnen. Clara komponiert einen Zyklus von Liebesliedern, ihr op. 13. Robert lässt sich von Mendelssohn überreden, Clara auf einer Konzertreise nach Russland zu begleiten. |
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1844 |
Die Reise nach Russland über Berlin, Riga, St. Petersburg nach Moskau (= Moscow) ist ausserordentlich beschwerlich. Clara feiert Triumphe, ausser in Moskau, wo ihr Konzert schlecht besucht ist; Robert verfällt in Melancholie und wird unansprechbar. Er hat Angstzustände, die immer wieder Wasser betreffen. Trotzdem reisen sie im Mai per Schiff durch die Ostsee zurück. Finanziell ist die Tournee ein grosser Erfolg. Roberts Zustand wird immer schlimmer. Seine Angst steigert sich, jetzt befürchtet er, dass man ihn umzubringen versuche. Er gibt die Stellung als Chefredakteur seiner Neuen Zeitschrift für Musik auf. Die Schumanns ziehen nach Dresden, nehmen schliesslich dort eine Wohnung für den Winter. Der Umzug bringt zeitweise Besserung. Der Fortgang ihres Freundes Mendelssohn-Bartholdy, der vom preussischen König einen Ruf nach Berlin erhalten hat, wird als einer der Gründe angegeben, Leipzig zu verlassen. Für Robert Schumann bricht beruflich eine neue Ära an: er hat sich von Leipzig abgewendet, die Redaktion seiner Musik-Zeitschrift abgegeben, seinen Kompositionsstil geändert und er fühlt sich wohl bei der Arbeit an seinem neuen Genre der Orchestermusik. Dresden tut ihm gut. Die Familie entschliesst sich hier zu bleiben. |
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1845 |
Schon bald beklagt sich Robert Schumann über die von »Philistern« geprägte, erzkonservative Stadt Dresden. Seine Werke werden nicht geschätzt, insgesamt zeitgenössische Werke wenig aufgeführt. Zu Richard Wagner, Kapellmeister der Hofoper, hat er wenig Kontakt, weil er seine Musik - mit einigen Ausnahmen - nicht besonders mag und er findet die hässlichen antisemitischen Angriffe besonders auch auf seinen Freund Mendelssohn abstossend. Für Wagner ist Schumann »ein unmöglicher Mensch«. Fast die ganze erste Hälfte des Jahres leidet Robert an seinem Nervenübel und kommt wenig zum Komponieren. Clara ist schwanger und bringt am 11. März ihre dritte Tochter, Julie, zur Welt. Die Finanzlage der Familie ist schon wieder prekär, obwohl die Schumanns sich bescheiden in ihren Ausgaben glauben. Robert kommt immer weiter ab von seiner früheren Neigung zur Romantik, beschäftigt sich mit den strengen Regeln des Fugensatzes, studiert Bachs Die Kunst der Fuge und komponiert Sechs Fugen über den Namen Bach [op. 60]. Er hat das Gefühl, es wolle ihm nichts gelingen, und auch mit der die in diesem Jahr weitgehend skizzierten Symphonie Nr. 2 in C-dur [die später sein op. 61 wird] ist er nicht recht zufrieden. |
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1846 |
Wieder Nachwuchs in der Familie: Sohn Emil wird am 8. Februar geboren (er wird schon ein Jahr später sterben). Aufenthalt auf Norderney mit leichter Besserung im Zustand Roberts. Clara ist längere Zeit erkrankt, möglicherweise nachdem eine neue Schwangerschaft ein Ende findet. Im Herbst unternimmt sie eine Konzertreise nach Wien, wo sie mit ihrem Programm von Beethoven bis Schumann zwar genauso gefeiert wird wie zuvor, aber nur ein kleines Publikum findet. In Prag, auf der Heimreise, werden Schumanns Frühlingssymphonie [op. 38] und sein Klavierkonzert [op. 54] sehr gut aufgenommen. |
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Clara und Robert Schumann, 1847 |
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1847 |
Mit dem Rat und der Hilfe Mendelssohns bringt Robert Schumann die Instrumentation seiner C-dur Symphonie [op. 61] zu Ende. Sein schönes Klaviertrio Nr. 1 in d-moll [op. 63] schreibt Schumann wieder im alten romantisch-schwärmerischen Stil, sehr zur Freude Claras. Zwickau, die Geburtstadt Robert Schumanns, ehrt ihren jetzt berühmten Sohn mit einem Musikfest, bei dem unter anderem auch seine C-dur Symphonie aufgeführt wird. Eine Konzertreise nach Berlin wird nur teilweise zum Erfolg; einerseits gibt es Verstimmungen der Musiker über Roberts Leitung des Orchesters, andererseits glänzt Clara wieder am Klavier bei der Aufführung, u.a., von Roberts Klavierquintett Es-dur [op. 44]. Sie treffen Fanny Hensel, die Schwester Felix Mendelssohns, die bisher nur im engen Freundeskreis als Pianistin und Komponistin bekannt ist. Fanny Hensel geb. Mendelssohn stirbt im Mai an einem Schlaganfall im Alter von 42 Jahren. Leider folgt ihr der Bruder Felix Mendelssohn-Bartholdy im Alter von nur 38 Jahren, auch nach einem Schlaganfall, am 4. November. |
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1848 |
Am 20. Januar wird Ludwig Schumann geboren. Robert Schumann ist tief verletzt, als die Königlich-Sächsische Hofkapelle zu ihrem 300-jährigen Jubiläum Dresdener Komponisten feiert, ohne ihn zu erwähnen. Der Komponist ist jetzt auch Dirigent der Dresdner Liedertafel, eines erfahrenen Männerchors. Diese Arbeit macht ihm anfangs viel Spass und er schreibt mehrere kleinere Stücke für diesen seinen Verein. Das Klavieralbum für die Jugend [op. 68] entsteht im Sommer. Es ethält mehr als dreissig pädagogische Stücke verschiedenen Schwierigkeitsgrades und wird sofort nach Erscheinen sehr populär. |
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1849 |
Von den politischen Unruhen, die im vorhergehenden Jahr mehrere deutsche Staaten ergriffen haben, ist bisher im biederen Dresden wenig zu spüren. Robert Schumann findet sich in guter Gesundheit und nutzt eine besonders schöpferische Phase für eine Reihe von Kompositionen, die einer seiner Biographen der gehobenen Hausmusik zuordnet [z.B. opa. 73, 74, 75, 79]. Leider bleibt der finanzielle Erfolg aus. Breitkopf & Härtel will nichts mehr von ihm veröffentlichen, da der Verleger schon eine erhebliche Menge Geld mit seinen Werken verloren habe. Das Klavieralbum [op. 68] wird also von Schuberth in Hamburg verlegt. Als der Bürgerkrieg im Mai Dresden erreicht, flieht die Familie in eine benachbarte Kleinstadt. Das zeigt sich als guter Entschluss, denn zwei preussische Regimenter kämpfen die Aufständischen bald nieder und Dresden wird verwüstet. Richard Wagner hält feurige Reden und wird daher steckbrieflich gesucht, Robert Schumann sympathisiert ebenfalls mit den Republikanern, nimmt aber nicht aktiv an den Aufständen teil. Er komponiert Vier Märsche auf das Jahr 1849 [op. 76] im Geiste der Revolution, schreibt aber sonst ruhig weiter an Werken der »höchsten Friedlichkeit«, wie Clara Schumann in ihrem gemeinsamen Tagebuch feststellt. Die Bilanz seines Schaffens in diesem Jahr ist ausserordentlich: das Werkverzeichnis McCorkles zählt 45 vollendete Kompositionen plus eine Reihe von Skizzen. Im April gibt RS seine Arbeit mit der Dresdner Liedertafel auf, weil er, wie er schreibt, zu wenig musikalisches Interesse findet. Im Juni versucht er, von seinem Bruder Carl, Inhaber einer Druckerei in Schneeberg bei Dresden, ein Darlehen zu erhalten, da er wegen seiner Arbeit an der Oper Genoveva [op. 81] und wegen der Unruhen wenig Geld verdiene. Am 16. Juli wird Ferdinand Schumann geboren. Roberts älterer Bruder Carl stirbt im September. Im Oktober stirbt Frédéric Chopin in Paris, nach langem Leiden an Lungentuberkulose. Die finanzielle Situation ändert sich bald zu Roberts Gunsten: das Klavieralbum bringt eine Menge Geld ein, Breitkopf & Härtel bringen im November ein zweites Lieder-Album für die Jugend [op. 79], heraus und er verdient in diesem Jahr viermal so viel wie im vorherigen, insgesamt mehr als 1,200 Taler. Im November erhält Robert Schumann einen Brief von Ferdinand Hiller, einem alten Freund und derzeit Musikdirektor in Düsseldorf, der gerade ein Angebot aus Köln (= Cologne) bekommen hat und sich für Schumann als Nachfolger in Düsseldorf verwenden will. Im Glück seines derzeitigen Erfolgs in Dresden zeigt sich Schumann zunächst kühl. Er stellt Hiller die eigenartige Frage, ob es tatsächlich eine Irrenanstalt in Düsseldorf gebe, wie er in einem Atlas gesehen hat. Er müsse alle Eindrücke vermeiden, die seine Melancholie bestärken könnten. |
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1850 |
Robert Schumann nimmt das Düsseldorfer Angebot nicht sofort an, weil er auf die Uraufführung seiner Oper Genoveva [op. 81] in Leipzig wartet, wahrscheinlich auch, weil er immer noch darauf hofft, als Nachfolger Mendelssohns die Leitung des Gewandhausorchesters übernehmen zu können (etwas später bekommt Arthur Nikisch diese Stelle). In der Zwischenzeit konzertiert Clara Schumann in Bremen, Hamburg und Berlin und verdient damit so viel Geld wie das Jahresgehalt Roberts in Düsseldorf betragen soll. Im März nimmt Schumann die Stelle in Düsseldorf an, im September soll der Umzug sein. Die Uraufführung der Genoveva im Stadttheater Leipzig im Juni ist ein Reinfall. Die Rezensionen sind zwar höflich, aber die schlechten Meinungen dringen doch durch. Robert hat einen Schwindelanfall, spricht mehrere Tage nichts. Die Schumanns empfangen eine herzliche Aufnahme vom Orchester, vom Direktorium wie auch vom musikliebenden Publikum der Stadt. Ein grosser Saal mit 1300 Plätzen ist vorhanden; die ersten Proben fallen durchaus zur Zufriedenheit Schumanns aus. Das erste Konzert unter seiner Direktion wird im Oktober gegeben, mit Werken von Bach und Beethoven und mit Claras Darbietung des g-moll Klavierkonzerts von Mendelssohn. Der Applaus ist enthusiastisch, wie sie es schon gewöhnt ist. Bei dieser freundlichen Aufnahme geht Roberts Arbeit viel besser voran als in Dresden. Er schreibt seine 3. Symphonie, in Es-dur, [op. 97], die »Rheinische«, in nur einem Monat. Sie ist eine freudige, sogar heitere Komposition und soll als eines seiner grössten Werke bestehen bleiben. |
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1851 |
Leider vergeht die anfängliche Freude an den Gegebenheiten in Düsseldorf rasch wieder, weil das Publikum anscheinend die neuen Werke Schumanns, z.B. seine Ouverture zu Schillers Braut von Messina [op. 100], nicht versteht und auch weil das Orchester ihn als Dirigenten nicht schätzt. Er ist der introvertierte Perfektionist, der zu leise spricht und auch noch sächselt, den plappernde Musiker stören, der seine Anweisungen ans Orchester nicht besonders höflich formuliert. Eine Aussprache bringt keine Lösung, nur Unbehagen. Schumanns rührseliges Märchen Der Rose Pilgerfahrt [op.112] wird im Juli aufgeführt und findet wenig Anklang. Kurz danach macht die Familie eine zweiwöchige Urlaubsfahrt, zum Teil schon mit der Eisenbahn, in die Schweiz, über Heidelberg und Basel nach Chamonix. Robert fühlt sich ausgesprochen wohl. Zurück in Düsseldorf fangen die Querelen vor allem des Chors gleich wieder an. Das Direktorium will Schumanns Vertrag nicht brechen aber eine Lösung der Kontroverse ist nicht abzusehen. Trotz des Ärgers arbeitet Schumann mit grossem Eifer und schreibt im zweiten Halbjahr mehrere bedeutende Werke wie das Klaviertrio in g-moll [op. 110] und einige Balladen für Soli, Chor und Orchester nach Ludwig Uhlands Gedichten. Das siebte Kind des Ehepaares Schumann wird am 12. Dezember geboren, die Tochter Eugenie. |
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1852 |
Robert klagt über Halluzinationen des Gehörs und hat Schwierigkeiten beim Sprechen. Er komponiert erstmals geistliche Werke, die Missa sacra in c-moll [op. 147] und das Requiem in Des-dur [op. 148]. Kein Verlag ist zu Lebzeiten Schumanns an der Veröffentlichung dieser Werke interessiert. Obwohl Roberts körperlicher Zustand nicht gut ist, fährt er mit Clara im März nach Leipzig, wo u.a. seine Es-dur Symphonie [op. 97] zu grossem Beifall aufgeführt wird. Reisen sind wichtig für sein Selbstgefühl, da die Eheleute überall als internationale Zelebritäten gefeiert werden, überall mehr Achtung finden als in Düsseldorf. Wegen seiner »tiefen Nervenverstimmung« (wie Robert selbst schreibt) fahren die Schumanns zu einem Kuraufenthalt nach Scheveningen in den Niederlanden. |
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1853 |
Robert Schumanns Festouvertüre mit Gesang über das Rheinweinlied [op.123] wird von der Kritik verrissen. Viel Erfolg ist ihm in diesem Halbjahr nicht beschert, aber gesundheitlich geht es ihm einigermassen gut bis zum 30. Juli: er erleidet einen Schwächeanfall mit Schwindel, der wohl als kleinerer Schlaganfall zu deuten ist. Bis September hat er sich davon allerdings wieder so gut erholt, dass er mit Joseph Joachim, dem virtuosen Geiger, musizieren kann. Auf Empfehlung Joachims stellt sich der junge Johannes Brahms aus Hamburg im September bei ihnen vor; er ist gerade 20 Jahre alt. Robert und Clara sind sehr beeindruckt von seinem Klavierspiel, seiner freien Improvisation, aber auch von der Erscheinung dieses gutaussehenden Manns mit den langen blonden Haaren. In einem Aufsatz für die Neue Zeitschrift für Musik nennt Robert ihn einen »Berufenen«. Brahms ist offenkundig verliebt in Clara, sie ist von ihm zumindest angetan. |
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Die Freunde Johannes Brahms (sitzend) und Joseph Joachim |
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Johannes Brahms bleibt etwa einen Monat in Düsseldorf und gemeinsam mit einem befreundeten Komponisten namens Albert Dietrich schreiben sie eine Sonate als Überraschung für Joseph Joachim. Das Thema besteht aus den Noten F-A-E, nach dem Motto Joachims »frei aber einsam«. Dietrich schreibt den ersten Satz, Schumann den zweiten und vierten, Brahms den dritten Satz. Als die Sonate im kleinen Kreis gespielt wird, erkennt Joachim sofort die Autoren an den Stilunterschieden. Gleich im Oktober schreibt Schumann noch zwei neue Sätze zu seinen beiden und es entsteht daraus die Violinsonate Nr. 3 in a-moll [WoO 2*]. * Die Abkürzung WoO bedeutet Werk ohne Opuszahl und bezieht sich auf Kompositionen, die entweder von Schumann nicht bezeichnet oder zu seinen Lebzeiten nicht veröffentlicht wurden. |
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Die gespannte Verhältnis zwischen Dirigent, Chor, Orchester kommt zum Äussersten als das Direktorium bestimmt, dass Schumann nur seine eigenen Werke dirigieren solle, sein Stellvertreter werde alle anderen Werke übernehmen. Robert Schumann kündigt seine Stelle als Musikdirektor zum 31. Oktober des folgenden Jahres. In kaum zwei Wochen, fertiggestellt im Oktober, schreibt Robert Schumann sein letztes grosses Werk, das Konzert für Violine und Orchester in d-moll [WoO 1] und widmet es einem alten Freund aus Leipziger Tagen, dem Violinisten Ferdinand David. Joseph Joachim findet besonders den letzten Satz entsetzlich schwer zu spielen. Einen Monat dauert eine Konzerttournee Claras durch die Niederlande, bis kurz vor Weihnachten. In insgesamt 12 Auftritten zeigt sie ihr ungewöhnlich grosses Repertoire mit Werken von Beethoven, Schumann, Chopin, Mendelssohn und anderen. Sie ist schon wieder schwanger aber besitzt bewundernswerte Kraft und Energie. Die Reise wird ein einziger Triumph. |
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Robert Schumann gegen Ende seines Lebens |
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1854 |
Dies ist das Leidensjahr für Robert Schumann. Im Februar leidet er an einer schmerzhaften »Gehöraffektion«; manchmal hört er nur einen einzigen Ton hoher Frequenz (sog. Tinnitus), manchmal wird er gequält von Halluzinationen in der Form orchestraler Musik, die anfangs melodisch und angenehm wirken, dann aber bald in Dissonanzen entarten. Am 26. Februar entschliesst sich Robert Schumann, sich in eine der von ihm gefürchteten psychiatrischen Kliniken einweisen zu lassen, und er packt Papiere, die er mitnehmen möchte. Clara stellt einen Pfleger ein, der ihn ständig hüten soll. Am 27. Februar, einem regnerischen Rosenmontag, verlässt Robert Schumann in einem unbeaufsichtigten Moment um etwa 14:00 Uhr die Wohnung, geht in Pantoffeln zur alten Brücke über den Rhein (einer Schiffsbrücke) bis zur Mitte des Stroms, wirft seinen Ehering ins Wasser und stürzt sich dann selbst in den Fluss. Er wird von zwei Fischern gerettet, denen sein Benehmen sonderbar vorkam. |
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Die alte Rheinbrücke in Düsseldorf im Jahre 1839 |
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Am 4. März wird Robert Schumann in die Nervenheilanstalt in Bonn-Endenich gebracht, in eine private Klinik, die dem Psychiater Dr. Franz Richarz gehört und von ihm geleitet wird; mit monatlichen Kosten von 50 Talern ist sie recht teuer. Er wird ständig bewacht, kann sich aber frei bewegen, die Bibliothek, das Klavier im Musikzimmer benutzen und im Park um das Gebäude spazierengehen. RS wird von vielen seiner Freunde besucht, aber nicht von seiner Frau, angeblich auf Anraten der Ärzte, die eine Verschlimmerung seiner Wahnzustände befürchten. Er beschäftigt sich mit seinem »Dichtergarten«, einer Anthologie von Literatur-Zitaten über Musik, und schreibt seiner Frau sehnsüchtige Briefe. Von der Geburt seines Sohnes Felix am 11. Juni erfährt er nur brieflich von Clara. Er wird ihn nicht mehr sehen. Clara Schumann nimmt im September ihre Konzertreisen wieder auf, um Geld einzubringen. Notizen und Artikel über ihre Tätigkeit werden aus den Zeitungen entfernt, bevor sie RS ausgehändigt werden. Manchmal hat Robert lichte Momente, selbst Tage, und dann arbeitet er an neuen Kompositionen wie an einer Klavierstimme zu Paganinis Caprices für Violine. Seine Behandlung: an Medikamenten Morphium, Chinin und Abführmittel, sonst kalte Bäder, das damals Übliche. |
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1855 |
Robert Schumanns Erkrankung wird schlimmer. Die Diagnose von Dr. Richarz ist deskriptiv, »Melancholie mit Wahn«. Der Patient is unruhig, verweigert die Nahrung, verliert Gewicht und den Zugang zur realen Welt. Er beschäftigt sich damit, mit Hilfe eines ihm von Brahms gebrachten Atlanten eine alphabetische Liste von Städtenamen anzulegen. |
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1856 |
Auf die telegraphische Nachricht von Dr. Richarz, dass es mit Robert zu Ende gehe, kommt Clara Schumann am 27. Juli zum ersten Mal ans Krankenbett ihres Mannes, aber er erkennt sie schon nicht mehr. Seit dem ersten Tag seines Aufenthalts in Endenich bis zu seinem Tod am 29. Juli hat Robert Schumann seine Kinder kein einziges Mal gesehen. Er wird am 31. Juli auf dem Alten Friedhof in Bonn beigesetzt. |
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Clara Wieck-Schumann stirbt 1896 im Alter von 77 Jahren. Mehrere Biographen Robert Schumanns schreiben, dass der Komponist seit seiner Studentenzeit in Leipzig möglicherweise oder wahrscheinlich an Syphilis gelitten habe und dass sein Nervenleiden die vierte und letzte Phase dieser chronischen Erkrankung darstelle. Dem ist zu entgegnen, dass akribische Untersuchungen der Krankenblätter und des Obduktionsbefunds durch Fachmediziner in neuester Zeit diese Diagnose nicht stützen (ref. 4). Die Behauptung, Schumann sei letztlich einer Geschlechtskrankheit erlegen, sollte daher keine weitere Verbreitung finden.
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Empfohlene Literatur |
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Martin Demmler: Robert Schumann. Reclam Verlag, Leipzig 2006 Wolfgang Held: Clara und Robert Schumann. Insel Verlag, Frankfurt, 2001 Barbara Meier: Robert Schumann. Rowohlt Taschenbuch, Reinbek, 1995 Bernhard R. Appel (Hg.): Robert Schumann in Endenich (1854-1856): Krankenakten, Briefzeugnisse und zeitgenössische Berichte. Schott, Mainz: 2006 Eric F. Jensen: Schumann. Oxford University Press: 2004 (auf Englisch) Margit McCorkle: Robert Schumann. Thematisch-Bibliographisches Werkverzeichnis. G. Henle Verlag, München, 2003 |
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Ich bedanke mich herzlichst bei den Damen und Herren des Robert-Schumann-Hauses in Zwickau für ihre Hilfe bei der Suche nach den Werken Clara und Robert Schumanns.
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